Die ev.-luth. Kirchengemeinde Grömitz

Geschichte – Struktur – Gemeindeleben

 



Unsere Gemeinde ist stark geprägt von ihrem dörflichen Charakter und von der Tatsache, dass sie in ihren Gemeindegrenzen einen der größten Kurorte der Ostseeküste beherbergt. Die frühen Jahre ihrer Missionsgeschichte sind weniger erfreulich, da es sich dabei nicht um eine „Herzensmission“, sondern um eine politische Zwangs-Missionierung handelte. Aus ihr entwickelte sich zunächst über viele Jahrhunderte eher eine verwaltungsmäßige Kirchlichkeit. Allerdings hat es bereits im Mittelalter ein echtes, christlich begründetes diakonisches Bemühen in der Gemeinde gegeben. Eine geistliche Kirchlichkeit entwickelte sich dann vor allem im 19. Jahrhundert. Nach 1945 erhielt die Frömmigkeit der Gemeinde einen neuen Schub durch die Glaubenssubstanz der vielen pommerschen Flüchtlinge, die in Grömitz ein neues Zuhause fanden.


Die Geschichte der Kirchengemeinde
(Quelle: Grömitz und seine Kirche – Festschrift zur 750-Jahrfeier der St.Nicolaikirche, 1980)

Vorgeschichte, Heidenmission und Kirchengründung

Ostholstein war vor dem Jahre 1000 von demn Slawenstamm der Wagrier besiedelt.

Im 10.Jahrhundert begann der deutsche Kaiser Otto I. seine Hand auch nach Wagrien auszu­strecken, um Steuern zu kassieren und Söldner zu gewinnen. Und dazu bediente man sich der Kirche. 966 gelang es dem Markgrafen Hermann Blunk, Oldenburg zum ersten Bischofssitz im nördlichen Wendenland zu machen. Bischof Marco bekam neben der Fürstenburg eine Kirche und begann mit der Missionsarbeit. 30 Jahre lang war der christlichen Mission ein bescheidener Erfolg beschert. Doch im Jahre 990 machten die zwangsbekehrten Wenden, als sie merkten, daß der Kaiser schwach und ohnmächtig war, einen Aufstand. 60 Missionare wurden gefoltert und getötet. Das Bistum Oldenburg stand nur noch auf dem Papier. 

Erst im 12. Jahrhundert wurde VICELIN zum Apostel der Wenden. 1126 erhält er von dem Schauenburger Reichsgrafen Adolf II. den Auftrag, Wagrien durch Besiedlung mit christlichen Deutschen endlich für das Christentum zu gewinnen. Auf seinen verlockenden Aufruf hin machte sich eine zahllose Menge aus verschiedenen Stämmen auf. Sie kamen mit ihren Familien und ihrer Habe nach Wagrien zum Grafen Adolf, um das, Land, das er verheißen hatte, in Be­sitz zu nehmen. Oldenburg aber und die anderen Küstengegen­den gab er den Slawen zur Besiedelung, die ihm abgabepflichtig wurden.

1146 wird dann alle Missionsarbeit durch die Ausrufung eines WENDENKREUZZUGES vernichtet. Vicelin erntet von den Früchten seiner Kolonisierungsmission nichts. Obwohl 1149 zum Bischof geweiht, kann er sein Amt in Oldenburg nicht antreten: Erst sein Nachfolger, der BISCHOF GEROLD, kann 1156 in einem halb verfallenen Holzkirchlein bei eisiger Kälte am Epiphaniastag sein erstes Hochamt in Oldenburg feiern. Aber schon 1160 verlegte Gerold den Bischofssitz wieder von Oldenburg nach Lübeck.

Erst als die Spannung zwischen den einheimischen Slawen und den zugereisten Kolonisten durch Heiraten und Be­völkerungsmischung abklangen, konnte mit der eigentlichen MISSIONSARBEIT in unserem Gebiet begonnen werden. Inzwischen haben wir die Wende zum Jahr 1200 überschritten. Der entschei­dende Mann ist der Reichsgraf Adolf IV. von Holstein. Während seiner Regentschaft kommt es zu einer Untergliederung des URKIRCHSPIELS OLDENBURG. Zu der um 1160 fertig gestellten Ol­denburger Mutterkirche kommen in der ersten Hälfte des 13. Jahr­hunderts acht Tochterkirchen in Hohenstein, Heiligenhafen, Neukirchen, Grube, Lensahn, Hansühn, Schönwalde und Grömitz. Diese Tochterkirchen werden erstmalig im Kirchenverzeichnis des Bistums zu Lübeck aus dem Jahre 1258 erwähnt. Die Grömitzer Nicolaikirche ist sicherlich vor 1238, wahrschein­lich aber wie ihre Schönwalder Schwesterkirche schon um 1230 gebaut worden.

Die Jahre unter den Cismarer Mönchen bis zur Reformation

Die Grömitzer Kirche ist dem heili­gen Nikolaus, dem Schutzpatron der Fischer und Seefahrer, ge­weiht. Diese Namensgebung ist nicht zufällig, denn jahrhunderte­lang hat ein Großteil der Grömitzer Bevölkerung, vor allem die Bewohner des Unterdorfes WICHELDORF, vom FISCHFANG in der Ostsee gelebt.

Zu Anfang die SCHAUENBURGER Reichsgrafen das Patronat über die Grömitzer Nicolaikirche und ihren Landbesitz aus – bis Ritter von Westensee und sein Neffe Egbert im Auftrage seines Lehnsgebers das Dorf GRÖMITZ mit Hofburg und Mühle sowie einige Besitzungen in Körnick und Suxdorf an das Kloster in Cismar verkaufte. Jetzt hatte der Abt das Recht, den Grömitzer Pfarrer ein­ und abzusetzen.

Der vom Abt ebenfalls bestellte Grömitzer Bürgermeister sorgte dafür, dass Grömitz einen zweiten Geistlichen erhielt, der sich zur Hauptsache um die sozia­len Belange im Kirchspiel kümmern sollte. Dieser Vikar wurde bei seiner Arbeit von den Mitgliedern der ELENDEN-GILDE unterstützt (auf diese Elendegilde führt sich die heutige Grömitzer Bürgergilde zurück). Die Aufgabe dieser Bruder- und Schwestern­schaft bestand in der Betreuung der in Not geratenen eige­nen Mitglieder und der Fürsorge für Heimatlose, Arme und kranke Pilger. Denn der alljährliche Pilgerstrom zu den Cismarer Reliquien brachte auch viel Not und Elend mit sich.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts brachen viele Mönche aus den strengen Ordnungsregeln aus. Und als dazu schon in den 20-ziger Jahren des 16. Jahrhunderts die lutherische Lehre unter den Klosterbrüdern Anhänger ge­funden hatte, war das ENDE DER KLOSTERHERRSCHAET über Grömitz eingeläutet. 1530 traten einige Mönche zum luthe­rischen Glauben über. 1541 wurde den der alten Lehre an­hängenden Mönche verboten, ihren Glauben weiterhin im Kloster auszuüben.

Im selben Jahr wurde der vom lutherischen Glauben überzeugte Mönch Andreas Grothe vom Abt als Pfarrer an die Grömitzer Nicolaikirche entsandt. Ob die Grömitzer sich schnell oder langsam an die neue Lehre gewöhnt haben, läßt sich nicht sicher sagen. Denn offiziell wurde GRÖMITZ erst 1560 – und das war der spätmöglichste Termin überhaupt – LUTHERISCH. Der erste nicht mehr vom Abt in Cismar eingesetzte Pfarrer war Johann Augustini. Er war in Nienhagen geboren und in Cis­mar zum Theologen ausgebildet worden. In der Grömitzer Kirchen­chronik steht über ihn zu lesen: „Nachdem er aber zur Erkennt­nis der evangelischen Wahrheit gekommen ist, hat er die katholische Religion changieret und ist anno 1560 allhier zum Pastor erwählet und hat bis in das hohe Alter das Amt des Herrn bis 1621, also 61 Jahre lange verwaltet“.

Von der Reformation bis ins 20. Jahrhundert

1544 wurde das Kloster auf­geteilt. Grömitz war der Rückhalt damit genommen. Der Blütezeit folgte der Niedergang. Grömitz verlor die Stadtrechte und entwickelte sich zum Bauern- und Fischerdorf zurück. Nicht zufällig sind in der Steuerhebeliste von 1594 nur Landwirte genannt.

Eine geradezu ELENDE EXISTENZ fristeten die Bewohner des UNTERDORFES. Ihr Landbesitz war klein, der Sand- ­und Heideboden ärmlich. Wenn sie eine Kuh auf die Freiweide oder in die Salzwiesen am Meer treiben konnten, waren sie schon gut dran. Denn die Küstenfischerei mit kleinen Ruder­oder Segelbooten ernährte keine Familie.

So erklärte sich, daß die ARMENFÜRSORGE jahrhunderte­lang zu den Hauptaufgaben der Grömitzer Kirche gehörte. Diese Aufgabe nahmen der Pastor, ein Armenvorsteher und ein dafür bestimmter Kirchenjurat wahr. Trotz nie aufhörender Armut in den Häusern der kleinen Leute hatten die Menschen im Kirchspiel das Nötigste zum Leben. Bis tief in den 30-jährigen Krieg hinein blieb unser Land von Krieg und seinen Folgen verschont. Seit 1536 herrschte in Grömitz für I00 Jahre Frieden. Was aber die Menschen be­drückte, waren die ständig steigenden Steuerlasten und Natural­leistungen. Sie waren an den Amtmann in Cismar abzuführen. Je anspruchsvoller seine Hofhaltung war, um so schlechter ging es unseren Vorfahren. Kein Wunder, daß kurz nach 1600 der Klosteramtmann Egydus von der Lanken als ein Mann beschrieben wurde, der die Bauern in „tyrannischer, pharaonischer Dienstbarkeit“ gehalten habe, Langsam, aber sicher gerieten fast alle Landwirte – damals hießen sie Hufner – in LEIBEIGENSCHAFT.

Ganz am Boden lag Grömitz nach dem 30-JÄHRIGEN KRIEG. Schwedische und dänische Soldaten verwüsteten das Land. Selbst nach dem Frieden von 1648 zogen Soldatenhorden plündernd und brennend durchs Land, wie der sogenannte Pollackenkrieg von 1658/59 zeigt. In diesen wilden Zeiten wurden die Kirchspielbe­wohner immer wieder mit hohen Kontributionen, das sind Geld­- und Naturalabgaben, und monatelangen Einquartierungen belastet. Kein Wunder, daß die Kirchengemeinde ihren wahrscheinlich im Herbst 1663 durch einen schweren Sturm ZERSTÖRTEN KIRCHTURM, auf dem sich möglicherweise früher ein hochaufragender spitzer höl­zener Turmhelm befand, nicht aus eigenen Mitteln wieder aufbauen konnte. Die Grömitzer Kirchenjuraten mußten den Lübecker Bischof um eine „erkläckliche Beysteuer“ angehen. Denn eine Viehseuche hatte die Kriegsfolgen noch verschärft.

Die Pastoren und ihre Familien werden damals kaum große Not gelitten haben. Denn seit ihrer Gründung war die GRÖMITZER PFARRE mit einem guten Landpolster versehen. Zum Pastorat gehörten, wie das Kircheninventar von 1839 belegt, ohne Pastoratsgarten und ein Weiderecht für je 12 Stück Rind­vieh und Schafe fast 60 Tonnen Land (30 ha). Von dieser BAUERNSTELLE, den festgelegten Barzu­wendungen – dazu gehörte u. a. auch ein viermal im Jahr er­hobenes Predigeropfer – und den nicht geringen Naturalleistungen ließ es sich leben.

Gute Zeiten für das ganze Kirchspiel brachen erst wieder nach 1720 an. Die Brand-, Toten- und Schützengilde konnte sich wieder ein anständiges Gildefest mit Musik, Vogelschießen und viel Essen und Trinken leisten. Auch die Kirchengemeinde verfügte über die notwendigen Mittel, endlich die fällige Innenrenovierung vorzunehmen. 10 Jahre später erhielt die Kirche auch einen neuen Altar. Wenige Jahre später (1742) stand auch das Geld zur Verfügung, die ORGEL grundlegend zu renovieren. Nach weiteren 20 Jahre später die Grömitzer Kirche auch ihre heutige KANZEL.

Durch Dekret vom 24. August 1814 kam es zum Aufbau eines richtigen SCHULWESENS in unserem Gebiet. Es wurden Elementar- und Hauptschulklassen einge­richtet. Die SCHULAUFSICHT über die dreiklassige Grömitzer Schule und die einklassigen Landschulen in Albersdorf, Sux­dorf, Nienhagen, Lenste und Kellenhusen, das damals noch kirchlich zu Grömitz gehörte, übte der PASTOR aus. Aber die Pastoren waren nicht nur Religions­lehrer, sie trugen auch für das ÖFFENTLICHE LEBEN Mitver­antwortung. So finden sich in den Akten des Pfarrarchivs eine Reihe staatlicher Verordnungen, die regelmäßig in der Kirche verlesen werden mußten. Ob sie wollten oder nicht, die Pastoren waren auch „Staatsbeamte“.

 

Kirche im Badeort

War Grömitz bis dahin ein reines Bauern- ­und Fischerdorf, so bahnte sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein GRUNDLEGENDER STRUKTURWANDEL an. Schon 1813 registrierte man die ersten Gäste. Sie stammten aus der Umgebung und wählten als Ziel ihrer Sonntagsausflüge den Grömitzer Strand. Wer im Meer baden wollte, mußte über Schafsweiden gehen und durch niedrige, bewachsene Dünen stapfen. 1836 witterte ein Grömitzer Schuster einen Neben­verdienst. Er ließ sich Badekarren bauen, um auch den Damen die Möglichkeit zu bieten, sich ungesehen umzukleiden und mit hochgeschlossenen Badekleidern ins kühle Ostseenaß zu steigen. 1839 wurde dann eine Badeanstalt für warme und kalte Seebäder eröffnet. Das Bad der Sonneseite hatte das Licht der Welt erblickt.

Dennoch, es dauerte beinahe ein halbes Jahrhundert, bis die Familien Gosch und Ehlert ihre Dorf­krüge am Markt um Fremdenzimmer erweiterten und Frau SOPHIE STAHL 1872 im Unterdorf, wo heute die Kreissparkasse steht, das Gasthaus „Vier Linden“ errichten ließ. Trotz der schweren Sturmflut am 13. November desselben Jahres, die das gesamte Unterdorf arg in Mitleidenschaft zog und den Bau des Deiches zwischen Grömitz und Kellenhusen zur Folge hatte, kamen bis zur Jahrhundertwende alle Jahre ein paar hundert Fremdengäste nach Grömitz. Der einsetztende Geldstrom brachte auch der Kirche Vorteile: Nach der Jahrhundertwende konnte die St.Nicolaikirche aufwendig saniert werden.

Zwischen 1881 und 1925 sind weder Ein- noch Austritte aus der Kirche zu verzeichnen. Das ändert sich erst in der Zeit des III. Reiches. Die Gottesdienste um 1900 waren bemerkenswert gut besucht. Zweimal im Jahr feierte man Abendmahl. Vor 1900 zählte man dabei 700 Abendmahlsgäste, nach 1900 geht die Zahl allmählich auf die Hälfte zurück und 1940 sind es noch 211 Teilnehmer. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß bis zum 2. Weltkrieg anfangs in allen, später in einigen Außendörfern des Kirchspiels regelmäßig Bibelstunden abgehalten wurden. 1896 kann Pastor Glüsing noch stolz bemerken: Der Besuch war „sehr befriedigend“. 1931 wird er als „gut“ bezeichnet. Über den Kindergottesdienst heißt es zwei Jahre später: „Der Kindergottesdienst in 14 Gruppen mit 130 bis 160 Kindern hat sich erfreulich entwickelt.“

Die Frauenhilfe

In diesen Jahren wehte aber auch in anderer Hinsicht frischer Wind in der Kirchengemeinde. Im März 1935 wurde die ev. FRAUENHILFE gegründet, der bereits ein Jahr später 263 Mitglieder aus fast allen Dörfern angehörten. Bald darauf wurden Nähmaschinen angeschafft, damit bedürftige Frauen für sich und ihre Kinder in der Nähstube selber Kleidung nähen konnten. Außerdem organi­sierte die Frauenhilfe eine Hauspflege in Krankheitsfällen und die Versorgung hilfsbedürftiger Personen mit warmem Essen. Bis 1941 existierte die Frauenhilfe als selbständi­ger Verein. Aufgrund der politischen Verhältnisse wurde sie dann in die Gesamtgemeinde eingegliedert.

Der Übergang in die NS-Zeit

Schon 1928 kam es auch zu einer ZUSAMMENARBEIT MIT DER BADEVERWALTUNG. Von der Volksmission in Neumünster wurden zehn religiöse Vorträge in der Nicolaikirche durchgeführt. 1930 wurden evangelischen „Abendfeiern“ am Strand abgehalten, die sehr gut besucht gewesen sein sollen. 1935 kamen noch jeweils zwei Kirchenkon­zerte dazu und Busausflüge mit dem Pastor. Diese Zusammenarbeit fand ihr Ende mit Beginn des 2. Weltkrieges.

Schon seit 1922/23 bestand in Grömitz ein christ­licher Jungmädchenbund und ein Kreis für die männliche Ju­gend. Beide Gruppen zählten jeweils rund 35 Mitglieder. 1933 brach die Jugendarbeit zusammen. Die Mädchen gingen geschlossen zum BDM über. Aber auch als BDM-Mädchen trafen sie sich weiterhin im Pastorat, allerdings jetzt ohne ihren Pastor. Die Jungen traten alle nach und nach der Hitler­-Jugend bei. 1932 fand trotz Verbotes eine „braune Trauung“ statt, und 200 Gemeindeglieder ließen sich dieses Spektakel nicht entgehen. Ernste Schwierigkeiten mit dem National­sozialismus kriegte die Kirchengemeinde erst 1936. Da ließ ausgerechnet am Himmelfahrtstag der Amtsvorsteher ein Plakat mit folgendem Text aushängen: „Älter als Kirchen und Klöster ist unser Väter Land. Fester als Priesters Taufe bindet des Blutes Band – unser Reich, Ihr Brüder, ist von d i e s e r Welt; es gesund zu bauen, hat uns Gott bestellt.“

Trotzdem, solange der Pastor die Jungen in HJ-Uniformen ein­segnete und damit den Trend zur Jugendweihe unterlief, gab es keine großen Schwierigkeiten. Die Probleme der Kirchenwahlen hatte man ja auch wie vieles andere geschickt gelöst. Der Kirchenvorstand wurde 1933 und 1939 nicht „überfremdet“. 1942 versuchte man, die Sonntagsgottesdienste dadurch „einzufrieren“, daß von Seiten der Gemeinde für die Kirchenheizung keine Kohlenbezugsschei­ne mehr ausgegeben wurden. Dennoch, war die Kirche bei der Konfirmation am 15. März wieder warm. Eine Beschwerde beim Landrat hatte gefruchtet. Einen Monat vor Kriegsende wollte der Bürgermeister durch Herausnahme der Bänke „die Kirche zum Lazarett umwandeln, obwohl Hotels und Pensionen vorhan­den waren, die diesem Zwecke durchaus entsprachen“. Trotz dieser und mancher anderer Spannungen zwischen Kirchen- und Kommunalgemeinde, ein Kirchen­kampf fand in Grömitz nicht statt.

Von 1945 bis zur Gegenwart

In einem sehr aufschlußreichen Bericht über das kirchliche Leben vom März 1941 schreibt der damalige Pastor Schirr­meister: „Die Seelenzahl der Gemeinde beträgt augenblicklich rund 2500 EINHEIMISCHE und 3500 FLÜCHTLINGE. Bei den Einheimischen zeigt sich die Bereitschaft, den Zugewander­ten ein Heimatrecht zuzugestehen. Die Unterbringung Evakuierter in den letzten Kriegsjahren sowie die Zwangseinquartierung Tausender von gefangenen Soldaten nach dem Zusammenbruch glichen einer plötzlichen Überschwemmung mit Armut, Not und Elend. Auf diesem rein menschlichen Hintergrund muß man das kirchliche und religiöse Leben zu begreifen suchen.

Der Prozentsatz der Einheimischen im sonntäg­lichen Gottesdienst ist zu dieser Zeit sehr gering. Die Beeinflussung durch den Nationalsozialismus hat eine merkliche Zurückhaltung im Kirchenbesuch hervorgerufen und wird von den Flüchtlingen und Evakuierten gut angenommen.

Der GOTTESDIENST wird durchschnittlich von 160 Personen besucht, der Abendmahlsbesuch steigt wieder auf die Zahl von vor der Jahrhundertwende. Es werden gut besuchte Bibelstunden in den Außendörfern abgehalten. Der Kindergottesdienstbesuch steigt erneut auf die Zahl von 1930. Es entsteht ein Männerkreis und 1946 ein Kirchenchor. Außerdem werden in dieser Zeit viele Taufen und Trauungen nachgeholt.

Das Kirchliche Hilfswerk

Einen breiten Raum in der Gemeindearbeit nimmt das kirchliche HILFSWERK ein. Zum einen werden die großzügigen Erntedankspenden, „die gesammelt einen ganzen Stall von land-wirtschaftlichen Erzeugnissen erbrachten“, zum anderen Kleidungs- und Gebrauchsmittel aus ausländischen Spenden an die Bedürftigen verteilt. Von Anfang an bis zur Erbauung der kath. Bonifatiuskirche im Jahre 1963 hatten die Katholiken Gastrecht in der St. Nicolaikirche.

Kirchenrenovierungen

Hatten die Pastoren Schirrmeister und Engel bis Mitte der sechziger Jahre alle Hände voll zu tun, den viel­fältigen Aufgaben in der nun doppelt so groß gewordenen Gemeinde gerecht zu werden, so konnte man nach dem wirtschaft­lichen Aufschwung 1964 daran gehen, die dringend erforderlich gewordene große RENOVIERUNG DER NICOLAIKIRCHE in Angriff zu nehmen. Man beschloß, das alte Kirchengestühl und die alten Wandbemahlungen beseitigen zu lassen, die Decke des Kirchenschiffs mit Holz zu verkleiden und den Eingangsbereich neu zu gestalten; so erhielt die Kirche 1965 (leider!) ein völlig neues, moderneres Aussehen.

15 Jahre später, im Frühjahr 1980, wurden die in­zwischen schmutzig-grau gewordenen Wandflächen neu getüncht und die Marmorierung der Empore durch einen neuen Farbanstrich ersetzt.

Die Weiterentwicklung des Badeortes und die Kirche

In den sechziger und siebziger Jahren erfolgte der einschneidendste WANDEL DER VERHÄLTNISSE im Kirch­spiel und in der Kirchengemeinde seit Menschengedenken. Schon vor und nach dem 1. Weltkrieg waren im Unterdorf eine große Zahl von Saisonhotels erbaut und in fast jedem Grömitzer Haus Fremdenzimmer für die Sommergäste einge­richtet worden. In den Boomjahren nach dem 2. Weltkrieg aber hielt der Tourismus vollends in Grömitz Einzug.

Es begann damit, daß 1959 das erste beheizte Meerwasserhallenschwimmbad mit saison­verlängerndem Effekt gebaut wurde. Zwischen 1955 und 1960 waren am Mittel- und Blankwasserweg und auf dem Gelände der ehemaligen Freiweide 235 neue Häu­ser errichtet worden. Dort haben sich die Strandbetriebe der Familie Sachau, der Kursaal und die Strandhalle zu den größten Unterhaltungs- und Restaurationsbetrieben an der Ostseeküste entwickelt. 1962 wurde ein medi­zinischer Trakt zur Verabreichung von Anwendungen beim Hallenschwimmbad errichtet. Ein Jahr später konnte der von der ev.-luth. Kirchengemeinde zu äußerst günstigen Bedingungen übereignete Fischerkamp als Kurpark seiner Bestimmung übergeben werden. 1966 war am Steilufer in Richtung Bliesdorf für die Segler der Yachthafen mit heute 510 Liegeplätzen errichtet worden. 1970 wurde als drit­tes Bad das erste Brandungsbad in Schleswig-Holstein in Betrieb genommen.

1971 wurden in den Beherbungsbetrieben und auf den acht großen Campingplätzen 143.482 Gäste gezählt, die insgesamt 2.003.652 Übernachtungen buchten. Inner halb von 10 Jahren hatte sich die Gäste- und Übernachtungs­zahl verdoppelt. Und damit war Grömitz zum GRÖSSTEN SEE­BAD IN SCHLESWIG-HOLSTEIN und einige Jahre lang sogar in der Bundesrepublik emporgewachsen. In einem Gemeinde­bericht des Jahres 1969 schreibt Pastor Kurt Engel: „Ur­sprünglich war die Kirchengemeinde Grömitz eine reine Landgemeinde. Der Strukturwandel hat jetzt das gesamte Kirchspiel erfaßt. Auch die Dörfer haben sich in steigen­dem Maße auf den Fremdenverkehr eingestellt.

Da die Zahl der evangelischen Christen im Kirchspiel sehr stark angestiegen war, wurde am 1. April 1969 eine neue zweite Pfarrstelle eingerichtet. Die Gemeindearbeit der 70er und 80er Jahre war sehr rege und lebendig und von einem reichhaltigen, kirchlichen Kulturprogramm geprägt, auch mit  Angeboten für die Urlauber.


Sozialer, kommunaler und ökonomischer Kontext
Grömitz – das Ostseeheilbad der Sonnenseite – liegt im Herzen der Lübecker Bucht an der schleswig-holsteini­schen Ostseeküste (Kreis Ostholstein).

Die Ortsgemeinde zählt 7.824 Einwohner, wobei die politischen Grenzen anders verlaufen als die kirchengemeindlichen. Zur Kirchen- und Ortsgemeinde gehören der Hauptort Grömitz und die Dörfer Brenkenhagen, Suxdorf, Nienhagen, Bökenberg und Lenste. Zur Ortsgemeinde gehören darüber hinaus Cismar, Grönwohldshorst, Cismarfelde und Guttau. Zur Kirchengemeinde gehören noch Albersdorf und Teile von Brodau. Man kann daher sagen, dass innerhalb der kirchengemeindlichen Grenzen rund 7000 Menschen leben. Von diesen sind jedoch nur 3400 Mitglieder der ev. Kirche. Der kath. Kirche gehören ca. 300 Personen an. Diese niedrige Zahl an Kirchenmitgliedern ist für eine dörflich geprägte Gemeinde eher ungewöhnlich. Der Grund: Viele Urlauber, die aus entfernten Städten kommen, kaufen sich Ferienwohnungen in Grömitz und ziehen dann im Ruhestandsalter ganz nach Grömitz. Die „Alteingesessenen“ sind in der Regel Kirchenmitglieder. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt insbesondere durch das Saisongeschäft oder Berufe und Tätigkeiten, die in zweiter Linie vom Tourismus leben – und dazu gehören in Grömitz fast alle, auch die vielen Handwerksbetriebe und die Bauern, die teilweise zur Direktvermarktung ihrer Produkte übergegangen sind.

Ein weiterer Aspekt ist sehr bemerkenswert, der ebenfalls mit der erwähnten „Stadtflucht“ im Ruhestandsalter zusammenhängt: Grömitz lebt im Blick auf seine Alterspyramide schon in der für die Zukunft prognostizierten Situation einer „Überalterung“. 34% der Grömitzer Bürger sind über 60 Jahre alt – Verhältnisse, die bundesweit erst für die Zeit um 2050 erwartet werden.

 

Ökonomische Besonderheiten ergeben sich für den Ort aufgrund des notwendigen Spagates auf der einen Seite sehr stark vom Tourismus abhängig zu sein und auf der anderen Seite insbesondere im Hinterland eine von Landwirtschaft und Handwerk geprägte Struktur zu bewahren.

Trotz und vermutlich gerade wegen der der starken Beanspruchung der Grömitzer Bürger durch den Tourismus hat sich die Gemeinde eine ausgesprochen volkskirchliche Prägung bewahrt. Außerhalb der Hauptsaison besteht für die Menschen ein großes Bedürfnis danach, sich in guter, fröhlicher Gemeinschaft zu finden und zu sammeln und sich als „Dorfgemeinschaft“ zu identifizieren. Dabei spielt die Kirche eine wesentliche Rolle. Für Grömitz gilt wirklich der Spruch: „Laß die Kirche doch im Dorf!“ Die großen kirchlichen Feste bieten den Grömitzer Bürgern dafür eine willkommene Gelegenheit. Hinzu kommen verschiedene größere Veranstaltungen und Unternehmungen in der Kindergarten-, Frauen- und Seniorenarbeit. Darüber hinaus spielen in diesem Zusammenhang auch die Amtshandlungen eine wesentliche Rolle, die sich natürlich saisonunabhängig ereignen und insbesondere bei den Beerdigungen sehr viele Gottesdienstbesucher verzeichnen – manchmal ist ein ganzes Dorf oder der gesamte Ortsquerschnitt vertreten.

 

 

Seelsorge, Partnerschaft, Ökumene und Zukunft

Zu unserem Gemeindeleben gehören auch Aktivitäten, die kirchenkreisweiten Projekten angeschlossen sind. Dazu gehören die Notfallseelsorge, die aufgrund der großen Urlauberzahl (leider) viele Einsätze im Raum Grömitz zu verzeichnen hat und meistens Menschen unterstützt, die einen plötzlichen Todesfall eines Familiemitgliedes zu beklagen haben.
Ferner ist hier unsere Partnerschaftsarbeit mit der Süd-West-Diözese in Tansania zu nennen, die gegenseitige Besuche organisiert und etliche Hilfsprojekte organisiert. Unsere Kirchengemeinde konnte für diese Projekte viele Spendengelder einwerben.
Auch die Ökumene liegt uns am Herzen. So gibt es regelmäßige Treffen mit den Pastoren anderer Konfessionen unter der Überschrift „Gemeinschaft Christlicher Kirchen in Ostholstein“, bei denen die verschiedensten Themen im ökumenischen Kontext behandelt werden. Man lädt sich gegenseitig zu den verschiedensten Gemeindeaktivitäten ein. Durch diese Treffen wurden Vorbehalte abgebaut, und es konnte sich ein brüderliches Miteinander entwickeln.
Wir sind dankbar für das gute Miteinander und die gute Gemeinschaft in unserer Gemeinde. Für die Zukunft sehen wir dies als eine gute Basis an, um auf dieser Grundlage die Gemeindearbeit weiter zu festigen und Gemeinde weiter zu bauen. Dabei leitet uns auch der Wunsch, für eine Vertiefung des Glaubens einzutreten – so wie Bischof Kohlwage einmal sagte: Der wichtigste Doppelauftrag der Kirche unserer Tage sei, die Themen „Christ bleiben und Christ werden“ in unserer kirchlichen Arbeit deutlich werden zu lassen und die Menschen zum christlichen Glauben einzuladen.